Das Kali- und Steinsalzbergwerk Jessenitz (Schacht Herzog Regent)

Der Schachtansatzpunkt liegt auf der Südwestflanke des NW-SO streichenden Salzstockes Lübtheen-Jessenitz. Diese Salinarstruktur sitzt einem ca. 17 km langen und ca. 10 km breiten nordwest-gerichteten Salzfuß auf.
Auf die geologischen und hydrogeologischen Details dieses Salzstockes muss hier aus Platzgründen verzichtet werden. Einzelheiten erfahren Sie in dem diebezüglichen WIKIPEDIA-Artikel des Autors.

Die linke Abbildung zeigt die Lage der Schächte Jessenitz und Lübtheen zweier größerer Pingen.

Die Salzschichten stehen steil bis nahezu senkrecht. Umbiegungen, Verjüngungen und Auskeilungen von Schichtengliedern deuten auf starke tektonische Bewegungen hin. Der kavernöse bis klüftige Ablaugungsbereich über der Salzstruktur, der sogenannte Gipshut oder Caprock, ist ab einer Tiefe von etwa 150 m stark salzwasserführend. Die Wasserzuflüsse während des Niederbringens des Schachtes überstiegen teils 40 m³ pro Minute und waren - wie noch im Weiteren geschildert - Anlass erheblicher Abteufschwierigkeiten.
Dass auch die oberen Lockersedimente stark wasserführend sind, zeigte das Vorhandensein der wassererfüllten Pingen. So erhielt 1886 der Berg- und Hütteningenieur Friedrich Hermann Poetsch den Auftrag, bei Jessenitz einen Schacht mit einem Durchmesser von 5 m lichter Weite bis zu einer Teufe von 80 m mittels des Gefrierschachtverfahrens niederzubringen. Dieses Verfahren hatte sich Poetsch 1883 als „Verfahren, Schächte im wasserreichen und schwimmenden Gebirge sicher, lotrecht und billig abzuteufen“ patentieren lassen.

Im März 1888 wurde in 75 m Teufe, im Bereich wenig bis mäßig klüftigen Gipses, das erste Keilbett gelegt und hierauf bis zum übertägigen Mauerfuß Tübbinge von 5 m Durchmesser eingebaut. Im Mai 1889 legte man das zweite Keilbett bereits bei 89 m Teufe, weil nach dem Auftauen der Frostmauer Zuflüsse von ca. 20 l/min aus dem ersten Keilbett austraten. Diese wurden jedoch durch den zweiten Tübbingsatz von 89 bis 75 m abgeriegelt. Das weitere Abteufen bis 130 m und die Verkleidung der Schachtwandung mit Tübbingen (dritter Tübbingsatz von 130 bis 89 m) geschah bis Sommer 1889. Eine Vorbohrung auf der Schachtsohle ergab, dass man sich auf weitere klüftige, wasserführende Gebirgsschichten einstellen müsse. Die Bergwerksgesellschaft entschied - weil noch alle Ausrüstungen für das Gefrierverfahren vor Ort waren - die Schachtsohle etwas zu erweitern, um an deren Wandung acht neue Gefrierbohrlöcher in gleichmäßigen Abständen voneinander bis zu einer Teufe von 175 m niederzubringen. Nach deren Fertigstellung wurden sie im Durchmesser von 171 mm verrohrt bei einer Rohrwandstärke von 10 mm. In relativ kurzer Zeit bildete sich eine Frostmauer, sie erwies sich jedoch in Anbetracht der hohen Mineralisation und Drücke der Schichtwässer als durchlässig (Januar 1890). Es gelang dank starker Pumpen den Schacht bis auf 150 m Teufe niederzubringen und einen provisorischen Ausbau aus U-Eisen-Ringen und Holzverschalung einzubringen. Dennoch waren die sich verstärkenden Zuflüsse von mehr als 40 m³/min auf Dauer nicht beherrschbar, so dass der Schacht im Februar 1890 letztlich ersoff. Im August 1892 begannen die Vorbereitungen für die weitere Verteufung des Schachtes im Schachtbohrverfahren. Das nach seinen Erfindern, den Bergingenieuren Karl Kind und Joseph Chaudron benannte, um 1850 entwickelte Bohrverfahren, gestattete es, Schächte bis 4,40 m Durchmesser im toten Wasser abzubohren und wasserdicht auszubauen. Dieses Abteufverfahren war seinerzeit im Salzbergbau noch wenig erprobt.

Da ein Bohrer von hier 4,10 m Durchmesser über 25 Tonnen wiegt (siehe rechtes Foto), musste zunächst ein stabiler Bohrturm errichtet werden. Zeitgleich verfüllte man die Schachtsohle mit einer Betonschicht von 12,5 m Mächtigkeit. Diese überragte um etwa 7 m die oberste wasserführende Gips-Kluft. Nach dreimonatiger Wartezeit auf das Abbinden und Aushärten dieser Betonplombe konnte Schacht Jessenitz wieder gesümpft werden.

Es wurden alle sperrigen Teile aus dem Schacht entfernt und die Tübbingsäule bis zur Teufe 137,3 m vervollständigt. Leider misslang die Bergung der Gefrierrohre. Sie waren durch Nachfall und Bohrschlamm zu fest eingeklemmt. Auch Versuche, diese durch Umbohren zu lösen, blieben erfolglos. Das Umbohren führte wiederum zu Zuflüssen in nicht beherrschbaren Größenordnungen, infolge derer der Schacht abermals ersoff. Und so mussten die Gefrierrohre und einige Arbeitsbühnen zerbohrt und diese Teile mühevoll mittels Fangwerkzeugen sowie durch den Einsatz von Tauchern geborgen werden. Das Abbohren übertrug die Werksverwaltung der Firma Haniel & Lueg unter der Leitung des Bohringenieurs Berghaus. Da der obere tübbierte Teil des Schachtes 5 m Durchmesser hatte, wählte man für den weiteren Schacht-abschnitt einen solchen von 4,10 m lichter Weite.

Nach vielen weiteren Schwierigkeiten - u.a. mussten steckengebliebene Gefrierrohre zerbohrt und deren Teile geborgen werden, Gestängebrüche, Abweichung des Bohrschachtes von der Lotrechten, Undichtigkeiten der Moosbüchse, Zerbohren eines gusseisernen Küvelagenbodens in Verbindung mit mühseligen Fangarbeiten usw. - war endlich am 2. Februar 1900 der Schacht trocken (Teufe 346 m).

Aus obenstehender Zeichnung wird der komplizierte Schachtausbau deutlich. Am 18. Oktober 1900 fand die Schachttaufe in Anwesenheit des Herzog- Regenten Johann Albrecht von Mecklenburg-Schwerin statt. Später wurde der Schacht noch bis 603,53 m verteuft und mit Backsteinmauerwerk verkleidet. Die komplizierte Ausbildung der Salzlagerstätte untersuchte man durch das Auffahren von Versuchsstrecken und Horizontalbohrungen. Auf der 400-m-Sohle fand man 17 m westlich des Schachtes ein 50 m mächtiges Lager weißen Carnallitits. Dieses wurde auch auf den später aufgefahrenen 430-, 470- und 500-m-Sohlen nachgewiesen.

Eine Gewinnung fand jedoch auf diesen Sohlen nicht statt. Die 500-m-Sohle diente als Wettersohle. Bei ihrer Auffahrung fand man nördlich vom Schacht ein 83 m mächtiges Kaliflöz.
Als Hauptförderstrecke diente die 600-m-Sohle. Von einem südlich des Schachtes stehenden Gesenkes und zwei nördlich desselben befindlichen Blindschächte aus wurden die 700- und die 800-m-Sohlen nebst mehreren Etagensohlen angesetzt. Querschläge und Strecken wurden je nach Bedarf und örtlichen Gegebenheiten mit einer Breite von 2,5–4,0 m und einer Höhe von 2,0–3,0 m aufgefahren.
Die Salzgewinnung fand sowohl im nördlichen als auch im südlichen Schachtfelde statt, jedoch nur unterhalb der 500-m-Sohle. Abgebaut wurde im herkömmlichen Firstenkammerbau-Verfahren.
Die Abbaue, welche von der 604-m-Sohle aus angesetzt wurden, hatten in der Regel eine Breite von 20 m. Zwischen diesen und den streichenden und querschlägigen Strecken wurden Sicherheitspfeiler von 10 m Breite belassen. Die Abbauhöhen erreichten, da irgendwelche Schweben an den in Abständen von 8 m angelegten Etagensohlen nicht angebaut wurden, bis zu 70 m.
Vermutlich wurden diese Abbaue mit minderwertigem Steinsalz, Rückständen aus der Kalifabrik und Sanden versetzt. Bemerkenswert ist, dass ein Sicherheitspfeiler um die Schachtröhre nicht festgelegt wurde, so dass die Abbaue bis auf 35 m an den Schacht herangeführt wurden. Die Abbaue der 700-m-Sohle hatten ebenfalls 20 m Breite, bis 25 m Länge und bis 24 m Höhe. Die Auswertung der lückenlos geführten Förderstatistik ergibt eine Gesamtförderung von 1.396.812,736 t Kali- und Steinsalz. Dies entspricht einem Hohlraumvolumen von rd. 780.000 m³.

Dazu kommen laut bergmännischem Risswerk noch etwa 60.000 m³ Hohlraum an Strecken, Gesenken und Blindschächten, so dass sich ein Gesamthohlraumvolumen der Grube zu etwa 840.000 m³ ergibt. Leider fehlen quantitative Angaben zum eingebrachten Versatz. Daher ist der zum Zeitpunkt des Ersaufens der Schachtanlage vorhandene lufterfüllte Grubenhohlraum nicht exakt zu definieren.

Bereits im Jahre 1902 wurde auf der 542-m-Sohle, in einer rund 150 m nördlich des Schachtes gelegenen steil aufgerichteten Carnallititlage, im Liegenden der zu Abbau 5 Nord führenden Versatzstrecke eine Laugenstelle angetroffen. Die zusitzenden Lösungen waren gesättigt; ihre Menge betrug wenige Liter pro Minute. Auch an anderen Stellen des gleichen stratigraphischen Bereiches zwischen der 542- und 584-m-Sohle traten mehr oder weniger gesättigte Salzlösungen aus. Einige von diesen versiegten nach kurzer Zeit. Weitere Laugenzuflüsse bemerkte man ab 1906 im Abbau 3a der 584-m-Sohle und ab 1910 auch im Abbau 2 Nord der 576-m-Sohle. Anfang Juni 1912 wurde plötzlich eine starke Zunahme der Schüttung der Laugenstelle auf der 542-m-Sohle festgestellt.

Der größte Teil dieser Salzlösungen wurde in Förderwagen gepumpt und nach Übertage gebracht. Der kleinere Teil floss schließlich über die 676-m-Sohle und speziell verlegte Rohrleitungen zur 700-m-Sohle, um auch von hier mit Förderwagen nach Übertage verbracht zu werden.

Einhergehend mit diesen verstärkten Zuflüssen bemerkte man auch im Bereich zwischen den 542- und 600-m-Sohlen Knistergeräusche. Später, etwa ab dem 5. Juni 1912, wurden sogar donnerartige Schläge im Gebirge mit nachfolgendem Geknister registriert. Die Untersuchungen der Lösungen ergaben einen steten Abfall des Magnesiumchloridgehaltes von anfangs rund 350 g/l auf nur noch
56 g/l bei Zunahme des Natriumchloridgehaltes von 80 g/l auf etwa 280 g/l.
Die Herkunft dieser Lösungen aus dem Ablaugungsbereich des Salzstockes war somit zweifelsfrei nachgewiesen. Dies bestätigten auch die Beobachtungen der Wasserstände in den umliegenden Gewässern (See Probst Jesar, Großer Sarm) sowie der Brunnen.
Die Betriebsleitung erkannte, dass die Zuflüsse auf Dauer nicht beherrschbar waren und entschloss sich, das Grubengebäude unterhalb 500 m aufzugeben. Ab hier war der Schacht unversehrt und trocken und man wollte von hier aus den Abbau weiterführen. Doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht. „Am Nachmittag des 24. Juni 1912 verstärkten sich die Zuflüsse derart, dass das gesamte Grubengebäude innerhalb weniger Stunden ersoff“. Im Schacht selbst pegelte sich der Wasserspiegel bei etwa 38 m Teufe ein.

Verschiedene Pläne zur Wiedererlangung der Förderfähigkeit oder zumindest zum weiteren Betrieb der Kalifabrik wurden erarbeitet. So sollte der Schacht bis Teufe 400 m, nach vorherigem Einbau eines Betonpfropfens, gesümpft und die Lagerstätte bei ca. 380 m Teufe in südöstlicher Richtung neu angefahren werden. Auch erörterte man das weitere Aussolen des Salzlagers durch den ersoffenen Schacht. Bis Mitte Juni 1912 wurden auch täglich 300–400 m³ Sole abgepumpt und fabrikatorisch verarbeitet. Das Bergamt untersagte jedoch aus Sicherheitsgründen diese Arbeiten. Die Schachtröhre des Herzog Regent Schachtes Jessenitz wurde 1916 bis zu einer Teufe von ca. 230 m mit Sanden aus der unmittelbaren Umgebung verfüllt. Nach dem Ersaufen des Schachtes Jessenitz beabsichtigte die Betriebsleitung, da die Bergberechtsame, also das zum Abbau berechtigte Areal, groß genug war, etwa 750 m südöstlich einen neuen Schacht „Volzrade“ oder „Jessenitz II“ niederzubringen. Hier hatte man schon 1911 mit dem Abteufen des Vorschachtes begonnen. Dieser stand bei 4,5 m im Bereich des Grundwasserspiegels mit einem Durchmesser von 10 m in Bolzenschrotzimmerung.

Da aber mit der endgültigen Entscheidung der Verteilungsstelle für die Kaliindustrie vom 22. Oktober 1912 gemäß § 17 Abs.2 des Kaligesetzes vom 1. Juli 1912 das Werk für dauernd lieferungs-unfähig eingestuft wurde und seine Absatzquote verlor, wurden auch die Arbeiten am Schacht „Volzrade“ endgültig eingestellt und der Schacht mit Sanden verfüllt.

Auch dieser Schacht hat in der Schachtbaugeschichte seinen würdigen Platz gefunden:

Der Schacht des „Kali-und Steinsalzbergwerkes Herzog-Regent Jessenitz“ war weltweit der erste, welcher im Gefrierschacht-Verfahren abgeteuft wurde. Bereits im Jahre 1886 war man schon technisch in der Lage, das anstehende stark salzwasserhaltige Gebirge mittels Tiefkühlmaschinen in einen kompakten Eisblock zu verwandeln, um anschließend ‚trockenen Fußes‘ mit herkömmlicher Abteuf-Technik weiter zu arbeiten.

Zum Abschluss noch eine bemerkenswerte rissliche Darstellung anno 1902:

(Quelle: Bergamt Stralsund)